Bulbul Nachtigall

Es war einmal eine Nachtigall, eine Bulbul. Die verirrte sich in einen grossen Mangogarten, in dem weder ein Tier noch ein Mensch anzutreffen war. Da sie grosse Lust auf Mangos verspürte, setzte sie sich auf einen Ast und pickte kräftig zu. Es schmeckte ihr so gut, dass sie von nun an jeden Tag in den herrlichen Garten kam und eine Mango ass, bis alle Bäume leer waren.
Und jedes Mal, wenn sie eine Mango gegessen hatte, da legte sie ein Ei. Eines Tages entdeckte ein Adler den einsamen Garten, in dem die vielen Eier lagen und er pickte eines nach dem andern auf und schlürfte sie alle aus. Nur ein Ei, das fand er nicht. Das blieb unter einem Jasminbusch verborgen.

Als nun der König, dem der Garten gehörte, kam, um nach seinen Mangos zu sehen, da wurde er böse: „Wo sind alle meine Mangos geblieben?“ rief er laut. Und er schickte seinen Minister nachzusehen, wer die Mangos gefressen habe. Doch der Minister fand nichts und niemanden und kehrte zu seinem König zurück. „Hazoor, Eure Gnaden, ich konnte keine lebendige Seele ausfindig machen, nur eine Menge Eierschalen liegen überall verstreut. Ein Vogel muss hier gewesen sein. Überzeugt Euch selbst.“
Und der König ging selbst durch den Garten. Unter jedem Busch, auf Sträuchern und im Gras, überall lagen zerpickte Eier und keines war mehr ganz. Da sagte der König: „Lasst uns nach Hause gehen, es hat doch keinen Sinn, weiter nach dem Bösewicht zu suchen.“
Doch als er das Gartentor schon fast erreicht hatte, da fiel ihm ein unversehrtes rundes Ei auf, das mitten in einem blühenden Jasminstrauch lag. Und er ging hin und nahm es heim.

Er hegte und pflegte es und siehe da! Eines Tages öffnete es sich und heraus kam ein Mädchen, ganz klein und lieblich anzusehen. Als es aus der Schale geschlüpft war, schüttelte es sich und hatte alsbald die natürliche Grösse eines Menschen. Das Mädchen lächelte und sang wie eine Nachtigall. Deshalb nannte sie der König Bulbul.
Der König war so von ihrer Schönheit und ihrem Gesang bezaubert, dass er sie auf der Stelle fragte:
„Möchtest Du meine Frau werden?“
Die schöne Bulbul willigte ein und so feierte der König eine grosse Hochzeit.

Die anderen Gemahlinnen des Königs ärgerten sich über die neue junge Braut, weil sie viel schöner als alle zusammen war. Und sie beschlossen, Bulbul aus der Welt zu schaffen. Nun hatte mittlerweile Bulbul einen Sohn geboren. Den liebte der König über alle Massen, denn er hatte bisher nur Töchter.
Die anderen Frauen des Königs schlichen jede Nacht um das Gemach, in dem Bulbul mit ihrem Sohn schlief und versuchten, die Tür zu öffnen. Doch stets in dem Augenblick, in dem sie in das Gemach eindringen wollten, da ertönte die Stimme einer Nachtigall:

„Die Königin ist wach, aber die Welt schläft.“

Und so ging es viele Nächte.

Doch eines Tages, da ging Bulbul baden. Und sie vergass nach dem Bad, ihr Hemd aus Mangoblättern wieder überzustreifen, das sie die ganze Zeit vor bösem Zauber beschützt hatte. Und als sie in jener Nacht schlief, da schlichen sich die eifersüchtigen Gemahlinnen des Königs in ihr Zimmer. Sie zerhackten den kleinen Sohn und schmierten sein Blut um den Mund der schlafenden Bulbul.
Am nächsten Morgen konnten sie nicht früh genug zum König eilen und sie sagten:
„Welch ein Graus, o Herr, Eure jüngste Frau hat Euren Sohn gefressen. Sie ist gewiss eine Dain.“
Der König, der seine Frau liebte, wollte dem Gerede keinen Glauben schenken und ging in das Gemach seiner jüngsten Frau, um sich selbst zu überzeugen. Aber – als er ihren blutverschmierten Mund sah, da überantwortete er sie den Henkersknechten und liess sie töten. Ihren Leichnam setzte man mitten in der Wildnis aus und überliess ihn den wilden Tieren.

Doch die Leiche der schönen Bulbul verwandelte sich in einen grossen Mangobaum, ihre Haare in blühende Jasminbüsche, ihre Augen in einen klaren See und ihr Mund in Rosen.
Ihr Herz aber und ihre Leber verwandelten sich in zwei Nachtigallen, die in der lieblichen Gegend nisteten. Jeden Morgen mit Sonnenaufgang stiegen die Nachtigallen hoch in die Lüfte und stimmten ihr Klagelied an:

„Die Königin weint um den Sohn. Er steigt nicht auf des Königs Thron. Mit Blut beschmiert war ihr Gesicht, getan hat sie das alles nicht.“

Der König, der seine Bulbul nicht vergessen konnte und sie immer noch liebte, streift viel mit seinem Pferd umher und hatte weder Rast noch Ruh. Eines Tages, als es schon gegen Abend ging, kam er auch an jenen klaren See, wo der grosse Mangobaum wuchs und die frischesten Blumen blühten.
„Ein so schöner Garten mitten in der Wildnis,“ rief der König aus, „der weder Mauer noch Tor hat? Hier will ich ruhn!“
Und er band sein Pferd an den Mangobaum und warf sich ins Gras. Als er so lag, da hörte er den Gesang zweier Nachtigallen, die ihre klagende Weise wie allmorgendlich und allabendlich an-stimmten:

„Die Königin weint um ihren Sohn. Er steigt nicht auf des Königs Thron. Mit Blut beschmiert war ihr Gesicht, getan hat sie das alles nicht.“

Und die beiden Nachtigallen setzten sich neben den König und sagten:
„Wir sind Herz und Leben deiner unschuldigen Gemahlin. Die Bluttat haben andere Frauen begangen! Wenn du Bulbul liebst, so trenne uns beiden mit einem Schlag die Köpfe vom Leib, dann wird Bulbul wieder lebendig.“
Da nahm der König sein Schwert und schnitt den beiden Nachtigallen auf einmal die Köpfe ab. Im selben Augenblick stand Bulbul neben ihm und lächelte ihren Gemahl an. Wie freute sich da der König!

Zurück in das königliche Schloss aber gingen die beiden nicht mehr.
Sondern sie lebten in dem schönen Garten, in dem der König ein prächtiges Schloss bauen liess. Sie lebten dort noch lange in Ruhe und Frieden und hatten viele Kinder miteinander.

Märchen aus dem Pandschab

Aus Amalia, oder der Vogel der Wahrheit
Hrsg. Kurt Derungs. Mythen und Märchen aus Rätien im Kulturvergleich. Verlag Bündner Monatsblatt Chur 1994.
Auch in: Märchen aus dem Pandschab. Hrsg. H. Sheikh-Dilthey, Eugen Diederichs Verlag Köln 1976.

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